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5 wichtige Unterschiede zwischen Niederländern und Deutschen.

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Jan Lievers über 5 wichtige Unterschiede zwischen Niederländern und Deutschen - aus der Sicht eines Niederländers.

Es gibt natürlich die naheliegenden Dinge. Jeder weiß um die stärkere Hierarchie in Deutschland, die die verschiedenen Umgangsformen, Strukturen, Beschlussfindungsprozesse und das Einhalten von Regeln und Vorschriften (oder eben die Nichteinhaltung) bewirkt. Aber auch beim Thema Internet sind wir uns nicht wirklich ähnlich. Hängt das etwa auch damit zusammen? Eins nach dem anderen:

  1. Hierarchie.

In Deutschland erleben wir sowohl in der Ausbildung als auch im Beruf eine deutliche Hierarchie. Man weiß direkt, wer den höchsten Rang innehat. Das zeigt sowohl das Verhalten dieser Person als auch das der anderen. Man könnte sagen, dass dies Respekt ausstrahlt, es jedoch auch direkt deutlich ist, wer die Entscheidungen trifft und wo die Verantwortlichkeiten liegen. In den Niederlanden ist das doch etwas anders. Dort ist ‚der Chef‘ oftmals einer der ‚Truppe‘, der einfach mitarbeitet wie die anderen. Zwar landen Entscheidungen auf seinem Tisch und er trägt die Verantwortung dafür, aber oft beobachten wir, dass er anderen, bspw. einem Vorbereitungsteam, die Erarbeitung überlässt und sich dessen Meinung anschließt und sich für die Entscheidung beraten lässt. Teilweise entscheidet das Team auch autonom.

1.Umgangsformen.

Es ist ein logischer Schritt, dass die strengere Hierarchie zu strengeren und formaleren Umgangsformen führt. Das trägt schließlich zum Erhalt der Struktur bei. Dort wo Niederländer so schnell auf ‚du’ umsteigen können, tun Deutsche dies oftmals gar nicht. Selbst dann nicht, wenn man seit Jahrzehnten Kollegen ist. Man spricht den Kollegen auch weiterhin mit ‚Herr’, ‚Frau’ und ‚Sie’ an.

Wir beobachten hier langsam eine kleinere Veränderung. Nicht so sehr durch die niederländischen Umgangsformen beeinflusst, sondern eher durch das englische ‘you’. Dort besteht gar keine Wahlmöglichkeit mehr zwischen ‚du’ und ‚Sie’. Immer stärker hält Englisch Einzug als Sprache im Bildungssektor – vor allem in bestimmten Fächern – und die Deutschen werden langsam internationaler. Im Laufe der Zeit, wenn die ältere, noch etablierte Generation ersetzt wird durch jüngere Menschen, wird sich auch das schnell verändern.

2.Entscheidungen.

Wie bereits erwähnt, herrscht in Deutschland eine Top-Down-Kultur. Der Chef entscheidet, bestimmt und delegiert Aufgaben. Und das tut nur er allein. Bei unseren deutschen Kunden fällt mir langsam eine kleinere Veränderung auf. Dort wird oftmals im Gruppenverbund offen miteinander über Dinge, die zur Debatte stehen, gesprochen. Jedermanns Meinung wird gehört und wertgeschätzt. Ebenso die Diskussion, die diese Herangehensweise oftmals mit sich führt. Für Deutsche ist das bereits ein großer Schritt. Die jüngeren, aktiver eingestellten Manager genießen das wirklich. Und dennoch bleibt – vorläufig? – die Entscheidung dem Chef vorbehalten. Das hat sich noch nicht verändert. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, ob es bei unseren östlichen Nachbarn jemals soweit kommen wird wie bei uns, dass Entscheidungen durch Projektteams, stets unter der Verantwortung des ‚Chefs’, getroffen werden. Wir finden das normal… aber ist es das auch?

3.Regeln und Vorschriften.

Selbstverständlich muss sich ein jeder an geltende Vorschriften halten. Die gibt es schließlich nicht umsonst. Andernfalls würde unsere Gesellschaft ziemlichen Schaden nehmen.

Die Angst davor sitzt bei den Deutschen tiefer verwurzelt als bei den Niederländern. Das liberale, stärker frei gekämpfte Gefühl ist immerhin etwas, das die Niederländer in ihrem Herzen tragen. Genauso wie die stille Bewunderung für jene, die sich nicht an alle Spielregeln halten und damit Erfolg haben. Eine Einstellung, die sich auch in der zweischneidigen Drogenpolitik zeigt.

Eine Grauzone gegenüber dem, was muss und sich gehört, besteht in Deutschland nicht. ‚Ordnung muss sein’. Das sieht man auf der deutschen Autobahn, wo Deutsche – dort wo gestattet – wahre Rennfahrer sind, dann aber wieder 70 fahren, wenn das Schild es so verlangt – und nicht etwa 79, wie die Niederländer es tun. Können Niederländer ihre Ziele über praktische Zwischenlösungen erreichen, die schlauer sind oder wirtschaftlich rentabler, werden alle bisherigen Pläne verworfen. Ohne Diskussion, als logischer Schritt. Diese Vorgehensweise erfordert einige Überwindung von Deutschen und sollte möglichst vermieden werden.

4.Teilnahme an der Online-Welt.

Auch hier fallen die Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern nicht gerade klein aus. Wo Niederländer die digitale Welt umarmen, sind die Deutschen viel vorsichtiger eingestellt. Vielleicht, weil hierzu viel mehr Eigeninitiative gefragt ist, um bspw. das Eigenheim zu digitalisieren?

Tatsache ist, 61% der Niederländer nutzen das Internet über mobile Endgeräte. In Deutschland lediglich 34%. Vor allem die Anschaffung von Tablets verläuft in Deutschland viel langsamer als in anderen Ländern, und das wird sich auch so schnell nicht ändern. Denn der Bedarf an einer Anschaffung liegt in Deutschland bei 5%, während dieser Wert in den Niederlanden viel höher liegt.

Einen besonders großen Unterschied zwischen Niederländern und Deutschen sehen wir auch beim Einsatz des Internets. Deutsche nutzen das Internet vor allem funktional. E-Mail, Nachrichten und Online-Shopping sind die Favoriten. Die Nutzung sozialer Medien oder der Einsatz als Wissensquelle steht weniger weit oben. Vielleicht spielt dabei auch die Sprache eine wichtige Rolle. Viele Informationen sind immerhin auf Englisch verfügbar, eine Sprache, die die Niederländer fließender beherrschen.

Unterschiede hin oder her. Wie wichtig sind sie?

Es gibt zahlreiche Studien, Blogs und Foren, in denen noch weitere Unterschiede zwischen den Deutschen und Niederländern erörtert werden. Aber sind diese Unterschiede tatsächlich so wichtig?

Ja, wenn man Geschäfte auf der anderen Seite der Grenze betreiben möchte schon. Deutsche und Niederländer sollten wissen, dass es Unterschiede gibt und müssen diesen Rechnung tragen, um Enttäuschungen und Missverständnisse zu vermeiden.

Aber wichtig ist auch, dass wir erkennen, dass die Parallelen zwischen unseren beiden Ländern um einiges größer und wichtiger sind. Dass wir einander schneller verstehen als bspw. Geschäftspartner auf dem Balkan. Dass wir einander eher wertschätzen – und uns auch trauen dies auszusprechen – als es bspw. bei unseren chinesischen Kontakten der Fall wäre. Und dass wir mehr moralische Aspekte teilen, als mit dem Rest der Welt. Ein Wort ist ein Wort. Auch auf der anderen Seite der Grenze.

 

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Jan Lievers